English Text

 




 

11.06.2009 – "Das Schönste am Urlaub sind die Erinnerungen daran"
17° und Sonnenschein beim Auslaufen
Anreise per Zug / Einschiffung
Auslaufhilfe in Bremerhaven Nach Monaten der Erwartung und Vorfreude geht es heute endlich los an Bord zu unserer 3. Kreuzfahrt. Unter dem Motto "MITTSOMMER IN ISLAND, SPITZBERGEN UND NORWEGEN" geht es in arktische Regionen. Unser "Zug zum Schiff" ist bis kurz vor Bremen HBF pünktlich, und wir wähnen uns schon fast an Deck. Doch dann, durch einen weiteren Leistungsbeweis der Deutschen Bahn, nämlich 20 Minuten Stillstand auf offener Strecke, verpassen wir den Anschlusszug in Bremen nach Bremerhaven. Man soll halt in die Reiseplanung die "Fähigkeiten" der Deutschen Bahn direkt mit einbeziehen. Wir haben die Unfähigkeit der Bahn mit eingeplant, und so sitzen wir schließlich noch halbwegs pünktlich im Bustransfer vom Bahnhof Bremerhaven zum Kreuzfahrt-Terminal. Unser Busfahrer ist eine Labertasche und macht aus der 15 minütigen Fahrt eine Stadtrundfahrt. Vielen Dank für die Erklärungen und Anekdoten! Wir wissen zum Beispiel jetzt, wo die grünen Übersee-Bananen krumm geschlagen und gelb lackiert werden.
Im Hafen ist der Delphin auf dem Schornstein unseres Schiffes von weithin sichtbar, weist uns den Weg und zaubert ein erstes Lächeln ins Gesicht. Nach einer Stunde Wartezeit im Terminal sind wir um 17:15 endlich an Deck. Um 18:03 laufen wir zur Melodie "Time to say Goodbye" zur großen Fahrt aus. Und wie bestellt kommt die Sonne heraus und weist uns den Weg ins offene Meer.
Unsere Koffer haben pünktlich und vollzählig die richtige Kabine gefunden. Wir ebenso, und der erste Eindruck der Kabine ist sehr positiv: nicht verschwenderisch groß, aber ausreichend Platz vorhanden. Der Ausblick aus dem großen Fenster ist fast unbehindert, nur ein Streifen im oberen Drittel des Fensters wird durch ein Rettungsboot verdeckt. Man sieht den Horizont und wie das Wetter wird. So soll es sein; nicht übel für eine Glücks-Kabine.
Das erste Diner macht mehr Lust auf diese Reise. Pappsatt und zufrieden sitzen wir abends in der Panorama-Bar, trinken einen Espresso, genießen die Aussicht und beschließen, noch das gesamte Schiff zu erkunden. Also ist keine öffentlich zugängliche Tür, kein Deck, keine Bar und nichts vor uns sicher. Um halb 12 und ungefähr 12.500 Treppenstufen später liegen wir dann müde im Bett, aber irgendwie ist an Schlaf nicht zu denken. Nicht mal die sachten Schaukelbewegungen der Delphin Voyager können uns einlullen. Zu viele Eindrücke wollen verarbeitet werden. Irgendwann nachts kommt aber doch noch das Sandmännchen vorbei.

Kabine 5044 Bad: klein, aber sauber Blick aus dem Fenster abends in der Panorama-Bar

 


12.06.2009 – "Eine Reise ist ein Trunk aus der Quelle des Lebens"
15° - sonnig bis leicht bewölkt
Erholung auf See
Abendstimmung an Deck Flinke, schlanke, an den Flügelunterseiten grau gesprenkelte Flugkünstler umkreisen das Schiff. Unzählbare Möwen begleiten im Tiefflug unseren ersten Seetag auf der Nordsee. Bohrinseln weisen uns den Weg gen Norden. Nach einem "Early-Bird-Frühstück" an Deck und dem zweiten, aus Hering und Schokocroissants zusammengesetzten späteren Frühstück erwartet uns die Nordsee mit der ganzen wunderbaren Farbpalette eines "richtigen" Ozeans. Die Sonne zaubert Farbinseln auf das royalblaue Wasser und läßt den Eindruck entstehen, wir befinden uns im karibischen Meer. Eine s-s-steife Brise, die einem an der Reling den Atem raubt, rückt das Trugbild wieder ins rechte Licht – wir sind auf dem Weg in die Packeiszonen unseres Planeten. Lesend, schauend und staunend verbringen wir den Tag an Bord.
Abends sind die Frackträger – jedoch keine Pinguine – im Blickpunkt des Geschehens. Das Willkommens-Diner mit persönlicher Begrüßung durch Kapitän Christo Daoutis verwandelt Jeans-und-Pullover-Passagiere in eine Armee aus Smokings und Abendkleidern. Das eigentliche Abendessen läßt keine Wünsche offen und zaubert den allermeisten Passagieren ein fettes Lächeln ins Gesicht.
Dieser Abend erfährt einen heiteren Ausklang in der Panorama-Bar - die ihrem Namen alle Ehre macht: hoch über den Wellen, mit einem phantastischen Ausblick auf den Sonnenuntergang, und einem trockenen Silvaner am Gaumen, gehen so gegen 23 Uhr dieser Abend und unsere Gläser zur Neige.

Pflicht: Die Rettungsübung Das Sonnendeck. Hinter Glas: Der Fitness-Raum Aufgebrezelt: Willkommens-Diner Die Wölfe mit dem Kapitän

 


13.06.2009 – "Die Sehnsucht ist es, die unsere Seele nährt – nicht die Erfüllung"
Um 11° - bewölkt, trocken, ziemlich windig
Kirkwall / Orkney Islands (Schottland)
Die Mainlands (Orkney Islands) Im Land der Kilts fällt der Hosenträger ins Auge. Nicht so bei unserem Ausflug nach Kirkwall (Orkney Inseln). Die Orkneys sind ein aus etwa 70 kleinen Inseln und der Hauptinsel Mainland bestehender Archipel. Kirkwall ist der Hauptort der Insel Mainland und liegt auf einer Landenge zwischen Ost- und West-Mainland. 600 Passagiere ergießen sich innerhalb kürzester Zeit ins Inselleben und verändern das Landschaftsbild.
Der von uns erwählte Halbtagesausflug führt uns zunächst durch die 1436 als königliche Gemeinde gegründete Stadt Kirkwall, dann geht es weiter durch Moorland und hügelige Wiesen über die Landenge zwischen den Seen Loch Harray und Loch of Stenness in den Nordteil der Insel. Unser erster Stopp erfolgt an den ca. 5000 Jahre alten Steinsetzungen "Ring of Brodgar", die bis zu 6 m hoch aufragen und fast wie eine moderne Kunst-Skulptur wirken. Die gewaltigen, an Stonehenge erinnernden megalithischen Monumente sind exakt ausgerichtet und werfen immer noch viele Fragen nach ihrer tatsächlichen Bedeutung auf.
Weiterfahrt zu dem an einer sandigen Bucht gelegenen Dorf Skara Brae. Skara Brae, eine prähistorische Siedlung, ist die größte Steinzeitsiedlung, die bisher freigelegt wurde, und zugleich auch die am besten erhaltene. Zusammen mit dem Besucherzentrum, in dem die Bau- und Entdeckungsgeschichte, aber auch das jungsteinzeitliche Altersleben dokumentiert ist, gehört Skara Brae heute zum UNESCO Weltkulturerbe. Die zehn von Wällen geschützten Hütten datieren etwa um 2500 v. Chr. Die vom Dünensand verwehte Siedlung wurde erst 1850 nach einem Sturm entdeckt. Da Holz auf der Insel nicht verfügbar war (man schrieb ja auch die Steinzeit), wurden alle Gegenstände, u.a. auch die Betten, von den Ureinwohnern aus Stein gefertigt.
Zum Abschluss besuchen wir das Skaill House, einen alten Landsitz der Lairds (Gutsherren) von Brackness, der heute als Museum dient. Wir bekommen einen Einblick in die Wohnräume und die Lebenskultur der Oberschicht des 17./18. Jahrhunderts.

Dieser Ausflug ist wohl das Pflichtprogramm auf der ansonsten von touristischen Highlights nicht gerade reich gesäten, trotzdem interessant anzusehenden Mainland.
Um 12:47 nehmen wir – fast – pünktlich Kurs auf Island. 1 ½ Stunden Schleichfahrt manövrieren uns sicher aus den mit Untiefen und Felsinseln versetzten Gewässern der Orkney Islands ins offene Meer hinaus, wo der Kapitän endlich wieder "sicheren Boden unter den Füßen" erreicht und Gas gibt. Mit 18 Knoten düsen wir Richtung Island.
Abends lockt die Panorama-Bar mit ihrem Ausblick auf die spät untergehende Sonne. "Im Norden ist sie nie zu sehen"? So heißt es doch, oder? Aber hier und jetzt ist irgendetwas nicht in Ordnung. Wir schippern gen Norden, bzw. Nord-Nord-West, ständig, stetig, aber die Sonne läßt sich nicht vom Bug vertreiben. Was macht sie dort im Norden? Bereitet sie sich auf die Mitternachtssonne vor? Oder was? Auch um 23 Uhr, kurz vor unserer Bettzeit, ist sie noch nicht untergegangen.

Steinkreise 'Ring of Brodgar' Biggi mittenmang An der Küste Mainlands: Skara Brae Das ausgegrabene Dorf: Skara Brae Skaill House

 


14.06.2009 – "Wunder kommen zu denen, die an sie glauben"
Um 15° - Sonne, kaum ein Wind
Erholung auf See
In der Panorama-Bar Ein reichhaltiges Frühstück sorgt schon morgens für einen hohen Kalorienpegel. Dieser Seetag ist geprägt von Sonne und Erholung, sprich: eingewickelt in Decken, Abhängen in den gemütlichen Liegen. Zur Mittagszeit lädt uns Käpt’n Blaubär auf ein Frei-Bier und eine oder zwei Frei-Frikadellen ein. Kurz vor dem Mittagessen eine äußerst wichtige Maßnahme zur Erhaltung des Kalorien-Levels.
Nachmittags laufen wir – wie bisher jeden Tag – den Kalorien wieder davon. 30 Minuten oder knapp 6 km auf dem Laufband im Fitness-Raum vernichten ca. 400 kcal. Gerade die richtige Menge, um beim Abendessen wieder bei allen fünf Gängen zuzuschlagen.
Nach dem Diner, ca. 3.000 kcal später, einen bunten Cocktail in der Hand, Blick vom Panoramadeck, ziehen die Färöer-Inseln vorbei. Eigentlich nur mit dem Fernglas sichtbar, sind sie aber trotzdem das High-Light des Abends – natürlich neben dem "High Light" am Himmel, das da einfach nicht mehr untergehen will (Sonnenuntergang heute 23:34, das bekommen wir schon nicht mehr mit).

Die Piano-Bar (rauchfrei) In der Delphin-Bar Das Pool-Deck Sonnenuntergang (ca. 23 Uhr)

 


15.06.2009 – "Die ganze Welt ist voller Wunder"
10-12° - Sonne, windig
Reykjavik / Island
Geysir 'Strokkur' - sehr aktiv Gegen 8:00 laufen wir in den Hafen von Reykjavik ein, um 8:45 wird das Schiff von den Behörden freigegeben. Der Landgang mit Tagesausflug folgt unmittelbar. Die Organisation aller Ausflüge ist hervorragend geplant; es entstehen kaum nennenswerte Wartezeiten. Wir fahren von Reykjavik, teilweise durch Lavafelder, nach Hveragerdi. In den Treibhäusern, die durch die vielen heißen Quellen beheizt werden, wachsen Weintrauben, Bananen und andere exotische Blumen – eine Kuriosität für diese Breitengrade.
Ein paar Bus-Kilometer weiter sehen wir Kerið, einen 55 m tiefen Explosionskrater, der vor ca. 3000 Jahren entstanden ist und dessen Trichter heute ein smaragdgrüner See ausfüllt. Eine 15-minütige Rast gibt uns die Möglichkeit, einige Fotos zu schießen.
Weiter geht es durch grüne Wiesenlandschaften zum Gullfoss-Wasserfall, der übersetzt Goldkaskade heißt. Hier fällt das milchige Gletscherwasser der Hvitá zunächst in großen Flächen über einen mit Moos bedeckten Steilhang und stürzt dann aus einer Höhe von 37 m in eine wilde Schlucht zwischen senkrechte Basaltwände.
Kurze Zeit später erreichen wir dann das Geothermalgebiet des 'Großen Geysirs', von dem alle übrigen Springquellen ihren Namen erhalten haben. Der Große Geysir selbst ist allerdings seit längerer Zeit nicht mehr aktiv. Sein Nachbar "Strokkur" jedoch umso mehr: eine mächtige Säule kochenden Wassers wird in exakten Zeitabständen von ca. 7 Minuten bis über 50 m hoch geschleudert. Blubbernde Schlammquellen, zischende Solfataren und heißer Erdboden machen uns bewusst, welche ungeheuren Erdkräfte hier unter der dünnen Erdkruste wirken.
Nach dem Mittagessen (Suppe, fangfrischer Lachs mit Gemüse und Kartoffeln) passieren wir Laugarvatn und gelangen nach Thingvellir. Hier in dieser überaus bizarren Lavalandschaft, in der die europäische und die amerikanische Kontinentalplatte zusammenstoßen, versammelte sich 930 n.Ch. das erste Parlament der Welt. Wir machen einen Spaziergang durch die Allmännerschlucht. Auf der Rückfahrt nach Reykjavik machen wir noch einen kurzen Stopp im Erlebniszentrum "Perle".
17:10 sind wir auf dem Schiff zurück, um 17:15 bin ich auf dem Laufband. Das Teil soll sich gefälligst auch mal bewegen. Die obligatorische Quäl-Halbestunde muß sein.
Um 18 Uhr nehmen wir Abschied von Reykjavik. Die Auslaufmelodie geht ans Herz, auch weil wahrscheinlich der Gedanke hochkommt, dass man hier im Leben nicht mehr wieder herkommt.
Leider sind abends, nach dem viel zu opulenten Mahl (selber schuld, was muß man auch schon wieder alle Gänge abgreifen), sehr viele Wolken unterwegs. Die Sonne kommt nicht mehr durch. Morgen ist für uns zum ersten Mal Mitternachtssonne, hoffentlich zeigen die Wolken bis dahin Einsicht und verziehen sich.

Die 2 Kontintentalplatten Europa (hinten) und Amerika (Vordergrund) Am Gulfoss-Wasserfall Das 'Auge' (100° heiß) Auf Island brodelt die Erde Der Kerid-Krater (ca. 6.500 Jahre alt) Blick auf Reykjavik

 


16.06.2009 – "Reisen dient in jungen Jahren der Erziehung und in alten der Erfahrung"
8° - viele Wolken, aber trocken, ab nachmittags sonnig
Akureyri / Island
Kochende Wasserlöcher auf Island Die schneebedeckten Berge der Nordküste Islands begrüßen mit uns an Deck den Morgen. Auf dem Weg von Reykjavik nach Akureyri (insg. 352 Seemeilen) befinden wir uns an diesem Morgen auf 66° 33’ 320’’ Nord. Nun geht es aber (vorerst) nicht weiter nördlich, sondern die Delphin Voyager dreht ab Richtung Osten, und wir schippern die Nordküste Islands entlang. Damit bleibt mir und anderen die Polartaufe vorerst erspart, denn der Polarkreis ist noch einige Bogensekunden weiter nördlich bei 66° 34’.
Nach dem Frühstück wird direkt das Joggen erledigt. Ja, bereits morgens! Man kann den Rest des Tages genießen! JA! JA! JA! Und anschließend die nächste Erfrischung: Oben, auf dem Aussichts- und Laufdeck, weht der eisige Wind – heute kleiner Bruder vom Sturm – die wirklich allerletzte Müdigkeit aus den Knochen. Dann lieber schnell wieder hinein in den Schiffsbauch und vom gemütlichen Sessel der Piano-Bar aus die außerirdischen Schnee-Landschaften vorbeiziehen lassen. Zwischendurch schnell mal in den Vortrag des Lektors über eines unserer nächsten Reiseziele hineingehorcht, und schon ist es Zeit fürs Mittagessen. Die Zeit auf einem Schiff scheint etwas schneller zu laufen als im normalen Leben - schade.
Nachmittags erwartet uns im Norden Islands der nächste Halbtagesausflug. Dieser führt uns von Akureyri vorbei an Vaglaskogur, einem von Islands 3 Wäldern (wir würden es nicht als Wald, sondern als niedriges Gestrüpp bezeichnen) zum "Wasserfall der Götter", dem mächtigen Goðafoss. Das Wasser stürzt hier auf einer Breite von ca. 30 m etwa 12 m in die Tiefe. Der Sage nach soll der Gode Thórgeir um das Jahr 1000 n.Ch. nach der beschlossenen Übernahme des Christentums als Staatsreligion die letzten heidnischen Götterbilder in den Godafoss geworfen haben. Daher sein Name.
Anschließend geht es zum Myvatn-See, dem Mückensee, einem Naturschutzgebiet, das für seine Naturschönheit und seinen Vogelreichtum bekannt ist. Hier legen wir eine Kaffeepause ein mit 'Ölkräbbelchen' - eine Art fettgebackener Hefeteig - sowie Lachs- und Nutella- Schnittchen (alles auf einem Teller serviert).
Die Weiterfahrt führt uns zum Solfataren Gebiet Hveraönd am Fuße des pastellfarbenen Tuffberges Námafjáll. Dieser Landstrich stellt eines der aktivsten vulkanischen Gebiete der Insel dar. Zwischen den heißen, brodelnden Schlammtöpfen, den gelben Schwefelquellen, den laut zischenden Fumarolen und den ungewöhnlichen Bodenfärbungen bekommen wir den Eindruck, in einer gänzlich fremden Welt zu sein. Der starke Schwefelgeruch unterstreicht das noch.
Das nächste Ausflugziel heißt Dimmuborgir, die "düsteren Burgen". Hier spazieren wir durch bizarre Lavaformationen. Vor etwa 2000 Jahren traf hier austretende Lava auf durchfeuchteten Erdboden. Durch das verdampfende Wasser, das in Schloten und Röhren aufstieg, entstanden riesige, bizarre Lavagebilde. Es wimmelt hier im Gegensatz zum Mückensee von diversen Plagegeistern, die jedoch zum Glück nicht stechen. Von Dimmuborgir haben wir einen guten Blick auf den Hverfjall, einen bemerkenswert symmetrischen Aschetuffring.
In Skútustadir besuchen wir abschließend die Pseudokrater, bzw. fahren in langsamer Fahrt an ihnen vorbei. Aber eigentlich sehen sie doch wie "richtige" Krater aus.
 
"Unser" Bus ist sehr pünktlich zurück am Pier, und so ist gerade noch Zeit für eine Zigarette an der Bar, bevor das Abendessen serviert wird. Jawohl, eine der Annehmlichkeiten an Bord der Delphin Voyager sind die Raucherbereiche in einigen Bars. Hier wird keineswegs übertrieben gequalmt, und von Geruchsbelästigung keine Spur. Aber der Raucher muß nach den Mahlzeiten nicht aufs stürmische Deck tigern, um wie ein Aussätziger eine Zigarette rauchen zu gehen. Die Atmosphäre ist einfach entspannter, auch wenn im Verlauf dieser Reise vereinzelt verbiesterte Nichtraucher versucht haben, ihr Dogma zu verspritzen.
Später am Abend geht es in die Panorama-Bar. Die Mitternachtssonne lockt, und das Glück ist auf unserer Seite. Bis 23:15 jedenfalls. Bis dahin sind 6 oder 8 Fotos von der langsam sinkenden Sonne im Kasten, bevor doch noch aufziehende Wolken – nur ein schmaler Streifen knapp oberhalb des Horizonts – weitere Beobachtungen des Sonnenstandes unterbinden. Was jedoch der Begeisterung unter den Passagieren keinen Abbruch verleiht. Man ist ungefähr aufgeregt. Etwas Besonderes liegt in der Luft. Es wird gar nicht mehr dunkel. Mitternacht zieht vorbei, und es ist hell wie am lichten Tag. Müdigkeit? Fehlanzeige. Und gegen 1 oder halb 2 morgens haben wir noch das besondere Glück, einige Wale – leider in ziemlich großer Entfernung – beobachten zu können, wie sie ihr Spielchen mit der Wasseroberfläche treiben. Meine Fotojagd ist jedoch nicht von Glück gekrönt, obwohl wir noch bis wahrscheinlich 3 Uhr morgens ausharren. Vielleicht gibt es später auf dieser Reise mehr Foto-Erfolg.

Am Mückensee Das Namafjall-Gebiet: Geothermisch ... ... hoch aktiv Schlote an allen Fronten Der Godafoss-Wasserfall

 


17.06.2009 – "Nur Reisen ist Leben, wie auch Leben Reisen ist"
5° - Nebel, abends mit dem "Sonnen-Wunder"
Jan Mayen / Norwegen (Passage)
In der Ferne: Jan Mayen "…geht hin und tuet Buße". So heißt es bereits in der Bibel (glaube ich). Nun, wir gehen zwar nicht hin, büßen aber trotzdem an diesem heutigen Tage für die gestrige lange Nacht mit kurzem Schlaf.
Biggi läßt heute die Mahlzeiten aus, um mal ein wenig kürzer zu treten, aber ich nehme (fast) jeden Gang wie (fast) jeden Tag mit.
Heute verpassen wir sowieso nichts, denn wir haben die Welt verlassen. Übrig bleibt nur das Schiff sowie ein schmaler Streifen Meer von vielleicht 30 Metern. Und dann … nichts. Niente. Ende Gelände. Oder besser: THE FOG – der Nebel des Grauens legt sich über uns und schneidet jegliche Zivilisation und jegliche Welt von uns ab.
Und dann das Wunder. Bei Erreichen von Jan Mayen klart es auf. Der Nebel steigt, verzieht sich, verduftet, und die Sonne plustert sich auf und strahlt Jan Mayen und den Beerenberg an und wir Passagiere strahlen mit ihr um die Wette.
Die Fotos sind im Kasten, und pünktlich mit Erreichen des letzten Zipfels dieser unbewohnten Insel endet das Wunder. Erneut kommt Nebel auf. War das gerade wirklich passiert? Hatten wir jenes unverschämte Glück, einen von nur 35 Tagen im Jahr zu erwischen, an denen man einen Blick auf Jan Mayen erhaschen darf? Eine unglaubliche Geschichte, aber so passiert. Jan Mayen in voller Sonnenpracht – eine Meisterleistung der Reiseleitung. Kompliment!
Morgen ist auch noch ein Tag. Selbst an Bord. Daher fällt für heute – und ziemlich früh – die Klappe. Gute Nacht!

Jan Mayen aus der Entfernung Jan Mayen im Tele Nebeltag an Deck: Zeit für Experimente Der Beerenberg auf Jan Mayen - seltener Anblick

 


18.06.2009 – "Das Meer ist der letzte freie Ort auf dem Meer"
3° - Nebel, regnerisch
Erholung auf See
Delphin Voyager vor Spitzbergen Die Delphin-Bar ist mit stilvollen Gemälden ausgestattet. Die Sofas wirken im Gegensatz zu den gemütlichen Ledersesseln längst nicht mehr wie neu, verbreiten aber ein heimeliges Ambiente. Dichter Nebel an einem See-Tag bringt einen dazu, sich das "Heim auf Zeit" mal näher anzusehen.
Die Delphin Voyager wurde 1990 als "Orient Venus" in Japan gebaut. 2006/2007 wurde das halbe Achterschiff in Griechenland umgebaut, und die Küche wurde erneuert. Seitdem läuft sie unter der Flagge der Bahamas für einen griechischen Reeder, der dieses Schiff als Hobby hält. Maximal 650 Passagiere in max. 325 Kabinen können sich von der 280 Mann starken Crew von vorne bis hinten (174 m Länge) und von back- bis steuerbord (24 m Breite) sowie von unten bis oben (45 m Höhe über Kiel) bedienen lassen. Wenn die Maschinen unter Volllast stehen, verbrauchen sie 40 t Schweröl und 50-100 l Schmieröl pro Tag, um die schwere Dame (BRZ 23.287 / NRT 9008) auf max. 20 Knoten zu jagen. Mit einem Tiefgang von 6,50 m bei Volllast kann sie eine Menge mehr Häfen anfahren als die Flotte der MSC oder der Costa. Ein Bugstrahler macht die Delphin Voyager sehr wendig, sie kann in Häfen im Stehen eine 360° - Wendung vollziehen und so auf Schlepperdienste verzichten. Das erspart der Reederei bei jedem Hafenmanöver Kosten von ca. € 8.000.
Frischwasser wird an Bord selber produziert, jedoch max. 150 t pro Tag. Dieser Leistung steht ein Verbrauch der duschwütigen Passagiere in Höhe von ca. 240 t / Tag entgegen. Damit kann man sich ausrechnen, wann die volle Wasser-Bunkerkapazität von 1.500 t erschöpft ist. Spätestens zu diesem Zeitpunkt sollte ein Hafen angelaufen werden, wenn die Leute nicht mit Salzwasser duschen sollen…
Neben diesen ganzen technischen Fakten kommt unser persönlicher Eindruck hinzu: ein klassisches Kreuzfahrtschiff, dem man ansieht, dass es nicht mehr ganz neu ist. Die Gesellschaftsräume sind jedoch geschmackvoll eingerichtet und wirken keineswegs veraltet oder verstaubt. Ein großes Manko ist auf diesem Schiff, dass man an keinem der insgesamt 8 Decks außen ums ganze Schiff herumlaufen kann. Auch der Jogging-Parcours auf Deck 8 – ganz oben – ist mit ca. 80 Metern lächerlich kurz und seinen Namen nicht wert. Für einen Spaziergang unter rauem Wind reicht es jedoch, und der Fitness-Raum entschädigt uns mit neuem und ausreichend vorhandenem Gerät (u.a. 4 Laufbänder, 2 Fahrrad-Ergometer, Crosstrainer und diverse andere Fitness-Geräte mit Blick achtern aufs Sonnendeck und das offene Meer).
Morgen erreichen wir Spitzbergen. Mal schauen, was dieser Tag so bringt.

Ein Tag mit viel Nebel... ... und wenig Sonne

 


19.06.2009 – "Reisen sollte nur derjenige, der sich ständig überraschen lassen will"
11° - morgens Wolken, ab ca. 11 Uhr Sonne
Ny Ålesund / Spitzbergen
In Ny-Ålesund Der erste "arktische" Ausflug erwartet uns in Ny Ålesund. Ny Ålesund ist eine der nördlichsten Siedlungen der Welt im norwegischen Verwaltungsbezirk Svålbård. Hier leben zwischen rund 30 Personen im Winter und etwa 120 Personen im Sommer. Früher Kohlebergwerk, ist die Siedlung heute hauptsächlich Polarforschungsstation. Da es keine ausgebauten Wege zwischen den Orten auf Spitzbergen gibt, erfolgt die Versorgung entweder über den Luftweg oder, in der eisfreien Zeit, per Schiff. Von Longyearbyen aus ist der Ort auch per Schneemobil zu erreichen. Ny Ålesund besitzt das nördlichste Postamt der Welt. Überhaupt ist auf diesen Längengeraden garantiert gerade irgendetwas 'am nördlichsten'...
Das Wetter ist bei unserer Ankunft jedoch alles andere als arktisch – mit 11° und einer strahlenden Sonne werden wir aus dem Bauch des Schiffes auf das Festland Spitzbergens ausgespuckt. Die Inselgruppe Spitzbergen, oder Svålbård, wie sie auf norwegisch genannt wird, liegt nur noch ca. 1.000 km vom Nordpol entfernt. Fast zwei Drittel des Landes sind von Eis bedeckt. Trotzdem ist Spitzbergen vergleichsweise gut zugänglich, was es den letzten Ausläufern des Golfstromes zu verdanken hat.
Gespickt mit Instruktionen und Vorschriften seitens der Bordleitung, mischen wir uns in das Dorf der Forschungsstationen. Wahrscheinlich werden wir von den Wissenschaftlern ähnlich argwöhnisch betrachtet wie ein Mückenschwarm: lästig, aber vorübergehend. Die uns auferlegten Vorschriften dienen natürlich dem Naturschutz und erfüllen ihren Sinn. Jeder weggeworfene Zigarettenstummel braucht Jahrzehnte zum Verrotten in diesem Klima, jeder Schritt abseits der Wege vernichtet Flechten und Moose für lange Zeit. 600 Schritte von 600 Passagieren pro Sekunde vernichten eine fußballfeldgroße Fläche pro Stunde. Dank der wahrscheinlich vom Sysselmann, dem Inselgouverneur, verabschiedeten und überwachten Vorschriften gelang es uns 600, nur einen unbedeutenden Teil der Natur zu beschädigen.
Ny Ålesund, eine Ansammlung von geschätzten 70 Häusern – kleinere wie größere zusammengezählt – hat nicht im Entferntesten den Flair eines Dorfes gleicher Größe in Mitteleuropa. Eigentlich kann man in diesem Fall gar nicht von "Flair" sprechen. Der Ort wirkt nicht einmal besonders zweckdienlich. Doch, Bitte um Entschuldigung, zweckdienlich ist zum Beispiel das Treibstofflager mitten im Zentrum der Siedlung schon: alle Stationen haben den gleichen schnellen Zugriff auf den Treibstoff für Auto und Schneemobil, die hier vor jedem Haus einträchtig nebeneinander stehen.
Die Wasserleitungen sind aufgrund des Permafrostes oberirdisch verlegt. In langen Holzkästen mit ca. 60x80 cm Ausmaß verlegt, versucht man, der Problematik Herr zu werden. Die "Hauptstraße", bestehend aus festgewalztem Schotter, zieht sich in einem großen Bogen durch alle Stationen, die teils aus Holz erbaut und bunt gestrichen, teils aus nacktem Beton bestehen.
Trotz der relativen Tristesse wird alles mit großem Interesse beäugt, und 3 Stunden Landgang sind schnell verstrichen. Um 13 Uhr heißt es "alle Mann an Bord". Nachmittags geht es dann in langsamer Fahrt durch die wilde Fjord-Landschaft Spitzbergens. Wir passieren den Krossfjord, in dem wir wunderbare Aufnahmen von im Meer treibenden Eisbergen – oder besser Eisbergchen - machen können. Später durch den Möllerfjord und auch den Liliehookfjord. Entlang der Landlinie schneebedeckte spitze Berge, Gletscher, teils bis zum Meer reichend, teils auf halber Höhe des Berges "verhungernd" – wahrscheinlich eine der Auswirkungen des Klimawandels.
Noch einmal haben wir Glück mit dem Wetter. Erst nach Erreichen der offenen See zieht – innerhalb von Minuten – derart dichter Nebel auf, dass unsere Welt aus nichts weiter als einer Handvoll Schiffsplanken und einer Handbreit Meer ums Schiff herum mehr zu bestehen scheint.

Gletscher unweit von Ny Ålesund Ny Ålesund bei Ankunft an der Pier 'Wilde' Rentiere allerorten Oberirdisch verlegte Wasserleitungen Glühende Eisberge treiben im Meer

 


20.06.2009 – "Was liegt beim Reisen näher als die Ferne"
11° - Sonne, ruhige See
Magdalenenbucht / Spitzbergen
Gletscher in der Magdalenenbucht Wir haben die Packeisgrenze erreicht. Leider früher, als uns lieb ist, denn eine Weiterfahrt bleibt uns nun versperrt. Dadurch verpassen wir sowohl die Moffen-Insel als auch die Passagen Wood-, Liefde- und Smeerenburgfjord, die eigentlich an diesem Vormittag auf dem Programm gestanden hätten.
Stattdessen dreht der Kapitän westwärts ab und nimmt einen halben Tag früher als geplant Kurs auf die Magdalenenbucht, unserem nächsten Ziel mit Landgang. Damit haben wir hier, an dieser Stelle, mit 80° 02’ 180’’, den nördlichsten Punkt unserer Kreuzfahrt erreicht. Der Nordpol ist kaum 1.000 km entfernt. Ein Katzensprung eigentlich, aber einer in ein unerreichbares Universum.
Mit der Einfahrt in den Magdalenenfjord erreichen wir den bisherigen Höhepunkt unserer Reise. Die Magdalenenbucht ist wohl der bekannteste Fjord Spitzbergens. Die Mischung aus alpiner Bergwelt, steilen Fjordwänden und in den Fjord abstürzenden Gletschern ist beeindruckend. Bei strahlendem Sonnenschein hält die Delphin Voyager majestätisch und wie in Zeitlupe Einzug in den ca. 2 km tiefen Fjord. Mächtige Gletscher an den Seiten stehen Spalier und leuchten in royalblau. Naja, eigentlich mehr türkis. Aber mit einem eindeutig königlichen Einschlag.
Während des Abendessens – heute schon 2 Stunden früher um 17 Uhr wegen der anschließenden Anlandung mit Tenderbooten – erreichen wir den Liegeplatz vor der Halbinsel der Walfänger. Hier wurden in früheren Jahrhunderten diejenigen jungen Burschen begraben, für die die Arktis zu stark war. Hier liegt auch die Hütte des Sysselmannes, des verlängerten Arms der norwegischen Hoheit, der natürlich darüber wacht, dass wir Touris uns anständig benehmen.
Drei Stunden lang haben wir die wunderbare Gelegenheit, inmitten dieser grandiosen Kulisse das Land der Eisbären und der Walfänger kennen zu lernen. Nur etwas komfortabler als die Pioniere der Nordmeere es hatten: eine Bar mit Tee, heißer Schokolade und Glühwein ist aufgebaut. Gegen Bezahlung gibt es auch stärkere Wärmemittel. Dabei besteht gar kein Grund zum Aufwärmen. Die Bucht ist windstill, die Sonne scheint herab, die Temperatur liegt bei gefühlten 20°.
Die gefühlte Wassertemperatur hingegen liegt eher bei 0°. Nach zwei Minuten Eismeer-Waten ohne Schuhe und in aufgekrempelten Jeans stellt sich die Frage, ob die Füße nur betäubt oder bereits abgefallen sind. Aber ein kurzer, energischer Spaziergang durch den trockenen arktischen Sand belebt alles und wirkt Wunder. Eine heiße Schokolade oben rein, und alles wird gut. Außerdem sind die Wolfsfüße an eiskaltes Wasser gewöhnt...
Die verbleibende Zeit auf festem Boden wird maximal ausgenutzt. Die zu dieser Jahreszeit bereits ziemlich weiche Schneedecke ist tückisch, denn ihre Oberfläche ist hart gefroren, während der darunterliegende Teil bereits matschig und wässrig ist. Wer Pech hat, bricht durch und versinkt bis zu den Hüften im nassen Weiß. Auch ist die gefrorene, angetaute und wieder gefrorene Schneedecke an ihrer Kante entlang der Strandlinie von unten her bereits von den Wellen angefressen. Auch hier kann man leicht wegbrechen. Alles wird genau observiert und auf Pixel festgehalten. Der letzte Passagier-Tender bringt uns dann wieder an Bord; anschließend werden nur noch die Besatzungsmitglieder und andere Dinge wie Landungssteg und Arktis-Bar an Bord gebracht, und los geht es zu neuen Ufern...
Spätabends endlich das erste Mitternachtssonne-Foto um Punkt Mitternacht auf 79° nördlicher Breite. Auch ein Wal begleitet uns wieder in einiger Entfernung, oder besser gesagt, wir passieren die Spielwiese des Wals, denn seine Position ist stabil, während wir vorüber gleiten. Er läßt sich nicht stören – warum auch?
Einen besseren Gute-Nacht-Blick hätten wir nicht bekommen können.

Die Magdalenenbuch Fußbad in arktischem Gewässer Auf arktischem Boden Der Eispanzer schmilzt langsam Die Sonne Punkt Mitternacht Abends ein 'arktischer' Drink

 


21.06.2009 – "Die Welt ist ein Buch. Wer nie reist, sieht nur eine einzige Seite"
6-7° - Sonne, mit einem arktischen Hauch von Wind
Longyearbyen / Spitzbergen
In Longyearbyen Ankunft der Delphin Voyager in Longyearbyen. Longyearbyen ist der größte Ort und das Verwaltungszentrum Svålbårds. Die Stadt wurde 1906 von dem US-amerikanischen Unternehmer John Munroe Longyear als Bergarbeiterstadt gegründet. 1943 wurde der Ort von der deutschen Wehrmacht zerstört und nach dem zweiten Weltkrieg wieder aufgebaut. Heute ist nur noch eine einzige Zeche in der Nähe der Stadt in Betrieb, die hauptsächlich der Versorgung des eigenen Kraftwerkes mit Steinkohle dient. Longyearbyen lebt vor allem vom Tourismus und der Forschung. Unter anderem befinden sich dort eine Außenstelle des norwegischen Polarinstitutes (NPI) und UNIS, ein Projekt norwegischer Universitäten, sowie das Svålbård Global Seed Vault.
Longyearbyen - der Name einer Siedlung, der fast länger als ihre Hauptstraße ist. Synonym für Spitzbergen, für Svålbård, Sehnsuchtsbeginn für Nordlandreisende.
Die ehemalige Bergarbeiter-Siedlung verbreitet für luxusverwöhnte Kreuzfahrtreisende einen eigentümlichen Charme, eine Art eigenwilliger Tristesse, in deren spröder Kargheit immer wieder seifenblasenartig Versuche einer Wohnwertverbesserung an die Oberfläche steigen. Nach Austenderung verbleiben uns knapp zwei Stunden, um diesen Versuch eines Dorfes zu erkunden. Der Lebensmittelpunkt besteht in diesem unter Widrigkeiten erbauten Ort zweifellos nicht in der Aufgabe, den Wettbewerb "Unser Dorf soll schöner werden" zu gewinnen. Aber trotz der relativen Spröde gewinnt die Siedlung mit näherer Betrachtung. Für die jungen Bewohner wurde eine große Half-Pipe aufgebaut, die auch fleißig besucht wird. Überhaupt ziehen uns die jungen Bewohner mit ihrem Charme und ihrer Lebensfreude in den Bann. Aus den Schulen winken uns junge Mädchen zu, wir zurück, sie wieder zurück, na ja, wir sind eine willkommene Abwechslung.
Eine Fußgängerzone gibt es auch, sogar mit einer Menge Schuh-, Souvenir-, Boutique-, Lebensmittel- und anderen Geschäften. Auch ein paar Cafés und Restaurants sind dabei. Wobei mir der leise Zweifel kommt, ob alle diese Läden auch ohne die ständig angekarrten Touristen überleben würden.
Das Kraftwerk auf dem Weg zwischen Zentrum und Hafen lassen wir auf dem Rückweg schnell hinter uns, froh um die Gelegenheit eines flotten Schrittes, und tendern kurz vor der Mittagszeit mit einem staubigen Geschmack auf den Lippen – Kohle und kahle Bergböden ringsum lassen grüßen – wieder "zu Hause" ein.
Nachmittags kreuzen wir eine halbe Stunde vor Barentsburg, nicht sehr weit von Longyearbyen entfernt im selben Fjord liegend. Barentsburg, ein Politikum irgendwie, ich will jetzt nicht mit Politik langweilen, ist eine durch Kohle geprägte Siedlung wie Longyearbyen, aber noch eine Spur häßlicher. Jedenfalls für den, der mitteleuropäische Maßstäbe ansetzt. Hier sehen wir in einiger Entfernung eine Walroßkolonie. Vielleicht, ja wahrscheinlich, sind es Walrösser. Die Entfernung ist fast zu groß für Details oder Fotos.
Und dann heißt es langsam Abschied nehmen von Spitzbergen. Gegen 17:30 passieren wir den südlichsten Zipfel dieses nördlichen Landes, und weg.
Abends werden wir vom Hotelmanager Johannes Christ auf ein Glas Sekt in der Piano-Bar eingeladen und erfahren einiges über die Logistik eines Kreuzfahrtschiffes. Beeindruckende Fakten prasseln auf uns nieder. Unter anderem werden wir auf der gesamten Fahrt folgende Mengen an Lebensmitteln und Getränken verbrauchen:
 
Frische Früchte 8,5 t
Frischgemüse 9,2 t
Fleisch 2,9 t
Fisch 1,6 t
Eier 21.400 Stk
Milch 3.420 l
Wasser 11.200 l
Fassbier 3.300 l
Wein & Sekt 5.000 l

Einen Teil dieser Menge werden wir also, an Bauch und Hüfte mit uns schleppend, nach Hause bringen! Mahlzeit! Daraufhin genehmigen wir uns noch ein oder 2 Gläschen Wein zur besseren Verdauung dieser gigantischen Lebensmittelmengen. Aber trotzdem geht es relativ früh um 23:30 auf die Kabine. Gute Nacht!

Ankunft in Longyearbyen Die einzige Kirche am Platz Halfpipe in der Arktis Biggi hat mal wieder einen neuen Freund gefunden Barentsburg, Spitzbergen

 


22.06.2009 – "Glück ist kein Zustand, sondern eine Art zu Reisen"
Ca. 7° - vormittags regnerisch, ab nachmittags Sonne
Nordkap / Norwegen
'Blinde Passagiere' an Bord: Dreizehenmöwen Ein halber Seetag liegt vor uns, bis wir um ca. 17:30 das Nordkap in Sicht bekommen. Morgens unternehmen wir zur Abwechslung eine "Wanderung". Eine halbe Stunde immer wieder den lächerlich kurzen Jogging-Pfad entlang. Bis zum Drehwurm. Nach der Hälfte der Zeit anders herum, damit es nicht langweilig wird.
An diesem Tag haben wir viele blinde Passagiere an Bord. Ein großer Schwarm Dreizehenmöwen umkreist das Schiff, läßt sich auf den Rettungsbooten nieder und umsonst Richtung Nord-Norwegen transportieren. Macht einen Höllenspektakel. Dutzende der geschickten Segler verwandeln das obere Deck bald in ein gesprenkeltes Minenfeld. Ein Aufenthalt auf einer der Liegen an Deck ist unter diesen Umständen nicht wirklich empfehlenswert. Abgesehen davon wäre es auch zu kalt für ein Nickerchen unter freiem Himmel. Wir legen uns daher nach dem wie immer hervorragenden und viel zu umfangreichen Mittagsmenu eine Stunde in der Kabine aufs Bett und holen uns einen Teil des fehlenden Schlafes zurück.
Der Wettergott an Bord will einfach nicht von uns weichen. Bei Erreichen des Nordkaps reißen die Wolkendecken auf. Die Sonne kommt durch. Sonnenstrahlen brechen durch dunkle Wolkenberge. Eine unwirkliche, fast mystische Stimmung kommt auf. Abwechselnd hell beschienen, dann wieder bedrohlich verdunkelt, begrüßt uns das Ende Europas, von dem aus man auf das Ende der Welt schauen kann.
Der Kapitän manövriert uns um das Nordkap herum. Man sieht die Weltkugel und die Nordkap-Halle. Hierher wäre unserer späterer Landausflug gegangen, den wir aber leider vor 3 Tagen stornieren mußten, da der Seewolf in Honningsvåg einen Zahnarzt aufsuchen darf. Unglückliches Resultat des Versuches, ein Morgenbrötchen anzubeißen, welches stärker als ich war.
Bei Ankunft im Hafen von Honningsvåg erwartet uns eine alte Bekannte – die Costa Magica, welche der Delphin Voyager in Longyearbyen den einzigen Pierplatz weggeschnappt hatte. Diesmal machen wir jedoch am Pier fest, und die Italiener müssen tendern (übrigens eine nicht zu unterschätzende Leistung bei ca. 3.500 Passagieren).
Ein Zahnarzt mit gutem, mitteleuropäischen Standard am Ende Europas? Kein Problem! Die Behandlung durch eine wegen der Liebe ausgewanderte deutsche Zahnärztin ist kurz und schmerzfrei (dank zweier Spritzen), und eine halbe Stunde später habe ich ein erstklassiges Ersatzteil in der Kauleiste, das mir den weiteren Genuß der Bordküche garantiert. Und wer fährt schon mit dem Schiff zum Zahnarzt?
Anschließend noch 2 Stunden Zeit, sich den Ort anzuschauen. Was für ein Gegensatz zu den Siedlungen auf Spitzbergen. Ja, die Zivilisation hat uns wieder! Kleine Parks mit grünen Wiesen, von bunt blühenden Beeten umsäumt. Liebevoll hergerichtete Vorgärten (auch wenn es manchmal nur 2 m² sind). Eine Wohltat für das an weiß und blau gewöhnte Auge. Kleine bunte Holzhäuser. Die Holzkirche, nicht gerade klein, aber einfach eingerichtet, typisch für Nordeuropa. Alles erquickliche Bilder nach den düsteren, schroffen, kargen Kohle-Siedlungen auf Spitzbergen.
Anwesend aber auch viele Souvenirläden, Schnellimbisse, Hot-Dog- und Kebab-Buden. Das Nordkap zieht offensichtlich derart viele Touristen an, dass diese ganzen Läden, von denen die meisten auch jetzt noch, um 23 Uhr abends (aber natürlich taghell dank der Mitternachtssonne), geöffnet haben, existieren können.
Einige Kinder des Landes geistern um diese Uhrzeit ebenfalls noch auf den Straßen. Sie sind wohl hier, um sich die vielen jungen Gäste der Costa Magica anzuschauen. Wegen uns Grufties treiben sie sich nicht auf den Straßen herum.
Birgit war vor gut 20 Jahren schon einmal hier am Nordkap und hat eine Nacht in Honningsvåg verbracht. Sie hat hier nichts mehr wieder erkannt. Offensichtlich verändert sich die Stadt schnell. Anzeichen dafür sind die vielen Baustellen, es wird fleißig gebaut und gebuddelt. Oh, habe ich "Stadt" geschrieben? Aber das stimmt ja auch. Honningsvåg besitzt seit 1998 das Stadtrecht. Aufgrund einer Verwaltungsvereinbarung zwischen Hammerfest und Honningsvåg darf die Stadt Hammerfest jedoch weiterhin mit dem Slogan "nördlichste Stadt Europas" werben. Honningsvåg wirbt dafür mit dem Nordkap.
Um Mitternacht kehren wir zurück aufs Schiff. Zurück vom "verhinderten Ausflug" an das Nordkap, aber mit vielen netten Eindrücken von Honningsvåg im Kopf.
Einen Teller Erbsensuppe später - oder zwei, seien wir ehrlich - kommen wir glücklich und müde gegen ein Uhr in die Kabine und ins Bett. Hallelujah!

Der Nordkap-Felsen Der alte Wolf und das Meer Im Hafen von Honningsvåg Viel Farbe in Honningsvåg Kirche in Honningsvåg

 


23.06.2009 – "Befriedigung der Neugier ist eine der größten Quellen des Glücks"
18° - strahlend blauer Himmel
Tromsø / Norwegen
Landschaft in Sommaroy (Norwegen) Hallelujah! Endlich wieder in den Fitnessraum! Dank der gestrigen zahnärztlichen Versorgung kann ich endlich wieder trainieren und den Kalorien davonrennen, zum ersten Mal seit 4 Tagen. Obwohl … eine wirkliche Chance hat man nicht an Bord. Hier lauern die "Fettnäpfe" überall und ständig.
Abgeschweift. Entschuldigung. Die Hauptperson des Tages ist selbstverständlich die Landschaft. Die Küsten. Die Fjorde, in denen sich Schären hereinmischen. Je weiter südlich, desto mehr davon (wir befinden uns aber immer noch in Nord-Norwegen). Die Fahrt nach Tromsø, in deren Hafen die Delphin Voyager so gegen 12:40 einschwebt, gibt uns einen traumhaften Einblick in die Schärenwelt innerhalb Norwegens Fjordküste.
Der heutige Ausflug bringt uns zuerst durch das Zentrum von Tromsø, wo alte, hölzerne Speicher und Wirtschaftshäuser sowie eine der größten Holzkirchen Norwegens neben modernen Gebäuden zu sehen sind. Anschließend geht es am Flughafen vorbei über die 1.200 m lange Sandnessund-Brücke, die "lange Variante" der Tromsø-Brücke, auf die Insel Kvaløy. Die "Wal-Insel" ist das größte Eiland Norwegens. Seine dem Sund zugewandte Küstenlandschaft ist geprägt von saftigen Weiden und Landwirtschaft – sehr ungewöhnlich für diesen Breitengrad. Auf der Weiterfahrt passieren wir den fischreichen Rystraumen, einem Mahlstrom en miniature mit einer Fließ-Geschwindigkeit von 6 Knoten. Schließlich erreichen wir Sommarøy, mit 300 Einwohnern das größte Fischerdorf der Provinz. Von hier aus haben wir einen beeindruckenden Blick auf die große Insel Senja im Süden, die zerklüftete Küstenlandschaft im Norden und das Nordmeer.
Unser Gesamteindruck dieses Ausfluges:
Die "Landschaftsfahrt nach Sommarøy" entführt uns in blühende Landschaften, bunte Blumenwiesen, kristallklare Schärengewässer und azurblaue Lagunen vor schneeweißen, halbmondförmigen Sandstränden. Überall an den Ufern verstreut liegen die kleinen Sommerhütten der Norweger – rote, blaue oder gelbe Tupfer am Rande der grünen bis dunkelblauen Gewässern. Ein Anblick zum Verlieben, zum Jung-Sein-Wollen. Die unbedingte Bereitschaft aller Norweger zum Glauben an die Existenz von Trollen paßt haargenau zu dieser verzauberten Landschaft.
Welch einen Kontrast erleben wir hier nach der bizarren Zweifarbigkeit von Spitzbergen, die sicherlich auch einen Reiz hatte, aber eben eher außerirdisch denn schön.
In Tromsø legen wir noch einen kurzen Foto-Stop ein. Gerade Zeit genug, um die Eismeerkathedrale, die Tromsø-Brücke und auch die wesentlich längere und damit windanfälligere Sandnessund-Brücke in Pixel zu verewigen. Und schnell zurück. Zum Schiff. Hoffentlich kein Stau. Rattern durch den Berufsverkehr. Wir sind spät. Aber egal. Wenn ein vom Schiff organisierter Ausflug verspätet zurückkommt, wartet es. Ein Vorteil gegenüber Individual-Ausflügen…
Irgendwie schafft es die Delphin Voyager aber immer, pünktlich – oder mit höchsten 10-minütiger Verspätung abzulegen. So auch dieses Mal.
An Bord, Abendessen, der Bekleidungsvorschlag heute lautet: sportlich-elegant. Die dargebotenen Speisen: Lukullus läßt grüßen. Zum Abschluß: ans Käsebuffet. Dazu ein Wein. Fein. Ein einziges Mal das abendliche Show-Programm mitgenommen: ein Conferencier, der Lieder vom "Rat Pack" darbietet. Nein, kein Wort über die Qualität des Programms an dieser Stelle. Ein Cocktail in der Delphin-Bar (bzw. Wein für den Wolf) schließt den Abend zu.

Schären in Sommaroy Stockfisch auf jedem 2. Balkon Bunte Häuser, grüne Wiesen Eismeerkathedrale und Tromsö-Brücke Die Sandnessund-Brücke

 


24.06.2009 – "Die Welt ist mit so vielen Dingen gefüllt, dass wir alle glücklich wie die Könige sein sollten"
12-14° - Sonne, ein frischer Wind
Erholung auf See
Spiele auf dem Pool-Deck Ein weiterer Tag auf See. Der kalte Hauch des Urlaubs-Endes bläst uns zum ersten Mal in den Nacken. Die Ausgabe der Kofferanhänger für die Ausschiffung und den weiteren Transport erfolgt. Die Anhänger haben verschiedene Farben; es gibt ungefähr 150 Farben für die unterschiedlichsten Abreise-Optionen. Na gut. Kofferanhänger in den Safe und weiter den Urlaub genießen.
 
Auch ein Seetag ist gefüllt mit Aktivitäten. Langeweile kommt nie auf. Stellvertretend für viele See-Tage kommt hier unser heutiges Stress-Programm:
 
 
07:00 Wecker klingelt.
07:00 – 08:00 Zähneputzen, Duschen, Anziehen, ab aufs Deck: 1 Kaffee und Wetter gucken. (Man bedenke: in der Enge der Kabine sowie mangels Ablageflächen benötigen alltägliche Dinge wie die Morgenroutine eine perfekte Ablauf-Logistik, damit 2 Personen um 8 Uhr fertig sind).
08:00 – 08:30 Frühstück im Restaurant.
08:30 – 10:00 aufs Sonnendeck, windgeschützten Platz suchen, Decken aus Kabine holen, Leute & Landschaft gucken, lesen bzw. Reisetagebuch schreiben.
10:00 – 11:00 Umziehen, aufs Laufband (30 min), duschen, umziehen. Wahlweise an Deck bleiben und lesen.
11:00 – 12:00 Bayrischen Frühschoppen an Bord gucken. 2 Brötchen mit Leberkäse abgreifen. Sich vor Polonaise drücken.
12:00 – 13:00 Kleines Nickerchen an Deck. Wahlweise in der Kabine.
13:00 – 14:00 Kaffee am Pool-Deck. Wahlweise kleines Dessert dazu.
14:00 – 15:00 Lesen. Wahlweise durchs Schiff pilgern und lohnenswerte Fotomotive suchen.
15:00 – 16:00 Film über bisherige Reise gucken. Sich einig sein, dass der Preis dafür viel zu hoch ist.
16:00 – 16:30 Strudel-Buffet stürmen. Sich den Teller mit ca. 11.500 kcal volladen lassen. Anschließend überlegen, ob man zweites Mal zum Buffet geht.
16:30 – 17:30 Lesen, Leute (Landschaft) gucken. Die Bibliothek abgrasen nach einem weiteren lesbaren Buch.
17:30 – 18:30 Duschen, Haarefönen, schminken, anziehen. Wahlweise Videotext gucken & dabei anziehen.
18:30 – 19:00 Aperitif.
19:00 – 20:30 Diner.
20:30 – 21:00 Digestif.
21:00 - ? Endlich Freizeit. Bis zum "Licht-aus" in der Kabine.

Die Pool-Bar Strudel ohne Ende Eine sogenannte Decks-Hummel

 


25.06.2009 – "Wandle voller Zuversicht in die Richtung deiner Träume"
25° - Sonne
Geiranger-Fjord / Norwegen
Einfahrt in den Geiranger-Fjord An diesem strahlenden Sommertag tauchen wir tief ein in die Fjordwelt Norwegens. Ziel ist der Geiranger Fjord. Bei Einfahrt gegen 7 Uhr morgens zeigt das Thermometer bereits 15° an. Zu beiden Seiten ragen bewaldete Berge aus den Fjordgewässern bis in den azurblauen Himmel hinauf. Immer wieder wird das flaschengrüne Fjordwasser von weiß bis silbern schimmernden Wasserfällen und –fällchen gespeist. Ganz klein kommen wir uns auf unserem Schiff vor.
Der Geiranger Fjord ist einer der beliebtesten Anlaufpunkte für Kreuzfahrtschiffe aller Herren Länder. Am Ende des schmales Fjordes weitet sich das schmale Gewässer zu einem kleinen See. Dort tummeln sich bereits die MSC Orchestra (ca. 3.100 Passagiere) und die Costa Luminosa (ca. 2.900 Passagiere). Später, nach der Delphin Voyager, stößt noch die "Konig Albert" der Hurtigruten hinzu. Zum Glück haben wir eine Wanderung als Ausflug gebucht, somit entkommen wir dem überfüllten Talkessel. Vom Pier aus fahren wir mit dem Bus durch den Ort Geiranger bergauf bis Hole, ca. 3 km entfernt, dem Ausgangspunkt unserer Wanderung. Bald nach Beginn der Wanderung ist bis auf unsere kleine Ausflugsgruppe kein anderer Passagier mehr zu sehen.
Bei sengender Sonne und strahlend blauem Himmel kraxeln wir die Berge Norwegens hinauf und fühlen uns fast versetzt in die Allgäuer Alpen.
Bunt blühende Wiesen wechseln sich ab mit kleineren und größeren Wasserläufen und –fällen. Hinter jeder Biegung des Weges öffnet sich ein neuer grandioser Ausblick. Immer wieder blitzt der hellgrün schimmernde Fjord durch die dunkelgrünen Wälder auf. Nach ca. 1 ¼ Stunden erreichen wir das Wanderziel, den Storseterfossen, einen sprudelnden Wasserfall. Ca. 550 m über NN ergießt sich hier weiß schäumendes Wasser die Felsen hinab, unterspült Felsen, verschwindet gurgelnd unter Felsvorsprüngen, bildet Stromschnellen und Kaskaden.
Ein schmaler, steiler Pfad an einer fast senkrecht abfallenden Felswand führt uns hinter den eigentlichen Wasserfall selber. Eine kleine Höhle tut sich auf. Hier ist Platz für eine Handvoll Menschen. Es ist feucht, es ist laut. Von Decken und Wänden tropft Wasser herab. Und vor uns der Wasserfall-Vorhang. Faszinierend. Dieser Ausblick ist nur den Ausflüglern vorbehalten, die keine Gehschwierigkeiten haben.
Nach einer kurzen Rast nehmen wir den gleichen Weg zurück. Dieses Mal natürlich bergab, etwas weniger anstrengend. Trotzdem rinnt der Schweiß. Die Sonne knallt herab, keine Wolke ist am Himmel. Es mag an die 30° sein. Ein kühler Schluck aus den Gebirgsquellen ist sehr willkommen und wird gerne angenommen. Die Vesperpause in Westerås, einem urigen Berghof, besteht aus Waffeln mit Kirschmarmelade und Sauerrahm. Wird ebenfalls gerne angenommen. Vom nahegelegenen Aussichtspunkt (gefühlte 10 km entfernt) haben wir einen tollen Blick über den Fjord, die Ortschaft und das fast senkrecht unter uns liegende Schiff.
Die Rückfahrt mit dem Bus ersparen wir uns und wandern lieber die Serpentinen hinab nach Geiranger, vorbei am Fjord-Center, vorbei an der kleinen weißen Holzkirche inmitten eines malerischen Friedhofes, und weiter unten dem Hotel Union. In Geiranger erkunden wir den wunderbar gelegenen Campingplatz, durch den der Wildbach fließt, vom Storseterfossen kommend und sich ein paar Meter weiter in den Fjord übergebend. Wir schauen uns den kleinen Hafen an, in dem man Wasserfahrzeuge aller Art - vom Kajak bis zur Yacht - mieten kann. In einem der Läden am Pier gibt es noch ein Eis für uns, bevor wir den 15-Uhr-Tender zum Schiff nehmen, den vorletzten Tender heute. Schnell aufs Laufband für eine halbe Stunde. Dafür kann man dann beim Abendessen wieder guten Gewissens alle Gänge mitnehmen, haha. Der Kapitän fährt während des Essens in den Hellesylt-Fjord ein, um dort ein paar Tagesausflügler aufzunehmen. Landgang gibt für uns dort nicht.
Dann wartet um 22:30 noch die Küchenbesichtigung mit weiteren Kalorienbomben auf uns: Krapfen und Wodka. Lecker. Brrrr!

Wasserfall 'Die 7 Jungfrauen' Ein Bergtroll. Wer erkennt ihn? Geiranger Storseterfossen Hinter dem Wasserfall

 


26.06.2009 – "Die größte Sehenswürdigkeit ist die Welt – sieh sie dir an"
30° - Sonne
Bergen / Norwegen
Bryggen - die Altstadt von Bergen Bergen. Die eigenwillige Perle Norwegens. Mit ca. 250 Regentagen im Jahr die niederschlagreichste Stadt Europas. Aber das stört uns nicht. Wir bringen ja die Sonne mit. Die Schleichfahrt durch die Schären eröffnet unbeschreiblich schöne Ausblicke und Eindrücke. Kleine Eilande, rund wie Pfannkuchen und zum Teil kaum größer als solche, aber fast alle mit mindestens einer Ferienhütte bewachsen, gleiten manchmal in kaum 10 Meter Entfernung am Rumpf der Delphin Voyager vorbei. Ich kann mir gut die eine oder andere Schweißperle auf der Stirn unseres Kapitäns vorstellen. Aber der Lotse geleitet uns sicher durch die Untiefen in den Hafen.
Um kurz vor 9 Uhr sind wir bereits von Bord und erkunden Bergen auf eigene Faust. Ein organisierter Ausflug ist erst für den Nachmittag geplant. Natürlich durch das herrliche Wetter verstärkt, vermittelt Bergen den Flair einer südländischen Stadt. Breite Boulevards und Fußgängerzonen, großzügig angelegte Plätze, blühende Rabatten – wir fühlen uns nach Puerto de la Cruz, Teneriffa, versetzt. In Bryggen, dem historischen Altstadtviertel – ganz aus Holz erbaut und das eine oder andere Mal in der Geschichte komplett niedergebrannt und wiederaufgebaut – erstehen wir einen erlesenen Kissenbezug aus Hardanger Spitze. Heute steht das Hanseviertel Bryggen mit seinen etwa 280 Holzhäusern auf der Liste des Weltkulturerbes der UNESCO und gilt als bedeutendste historische Sehenswürdigkeit Bergens. Am Fischmarkt kosten wir ums Haar Elchsalami und Walfischfleisch. Ebenfalls ist uns die Bergen Festung mit der Håkonshalle vor mittäglicher Rückkehr zum Schiff einen Abstecher wert.
Vor der Wanderung im Fløyen-Gebirge kurz zurück aufs Schiff, ein halbes Stündchen ausgeruht, und eine leichte Stärkung vom Buffet am Pool-Deck abgegriffen.
Die "Wanderung am Berg Fløyen" ist erheblich weniger anspruchsvoll als die gestrige Kraxelei. Mit der Fløibanen geht es zunächst zum Aussichtspunkt oberhalb der Stadt. Ein weiter Blick über die Stadt, den Hafen, die Schären, und die Berge ringsum. Von hier aus erwandern wir in knapp einer Stunde den Berg Fløyen. Gut befestigte Wege, teils sogar asphaltiert, machen den Weg zum Spaziergang. Vom Gipfel aus ein noch weiterer Blick über die Stadt, den Hafen, die Schären, die Berge, das Meer. Der Rückweg ist die gleiche waldreiche, mit vielen Rastplätzen und Aussichtspunkten gespickte Strecke. Nur dieses Mal natürlich anders rum…
Abends, an Bord, heißt es dann: Aufbrezeln für die Abschiedsgala und das Gala-Diner. Der Kapitän verabschiedet uns Passagiere persönlich mit ein paar netten Worten und ein, zwei Glas Frei-Sekt. Zum Diner gibt es neben Hummerschwanzsuppe und vielen weiteren kleinen Schweinereien einen fangfrischen Wolfsbarsch vom Bergener Fischmarkt, den wir morgens noch dort liegen sahen, den Fisch.
Im Anschluß ans Diner gehe ich wie üblich in die Delphin-Bar, trinke einen Espresso und sehe Angelika Milster, die offensichtlich in Bergen zugestiegen ist. Damit ist klar, wer der angekündigte Gast-Star ist, dessen erster, überraschender Bord-Auftritt in einer halben Stunde stattfindet.
Noch später sitzen wir an einem der Tische in der Delphin-Bar und schauen den Künstlern zu, wie sie nach diesem heutigen Abschieds-Auftritt endlich "Feierabend" haben. Die Reise ist geschafft, die Arbeit ist getan, man kann auf erfolgreiches Werk zurückblicken und den jetzigen "Feier"abend genießen. Eine lockere, irgendwie gelöste Atmosphäre hängt in der Luft, man gibt sich nonchalant. Ich denke, so ähnlich muß es Glockengiessern gehen, die die frisch gegossene Glocke ausgegraben haben und zum ersten Mal ihren Klang testen.
Und Gong. Hier läutet unsere Glocke zum Zapfenstreich. Gute Nacht für heute!

In der Altstadt (Bryggen) Breite Boulevards in Bergen Auf dem Fischmarkt Blick auf Bergen vom Berg Fløyen Stargast Angelika Milster an der Bar

 


27.06.2009 – "Soviel ist sicher: Reisen tut immer gut"
20° - Sonne
Erholung auf See
Eine Hummel auf der Brücke Der letzte Tag dieser Kreuzfahrt, ein Seetag. Der heutige Höhepunkt des Tages lautet: Besichtigung der Brücke. Gestern Abend war uns diese Einladung noch in die Kabine geflattert. Nach einem (fast) ausgiebigen Frühstück folgen wir also diesem Ruf und schauen dem Käpt’n mal auf die Finger.
Wer schon mal eine Folge der "Traumschiff"- Reihe gesehen hat und nun eine edel ausgestattete Brücke mit Holzpaneelen und Teakholz-Planken erwartet (so wie der alte Seewolf, meine Wenigkeit), sieht sich hier getäuscht. Natograuer Farbton vorherrschend, undefinierbarer Plastik-Belag statt Holzplanken, matter Stahl an Stelle von Palisander und Messing. Technisch selbstverständlich auf der Höhe der Zeit, wirkt die Brücke der Delphin Voyager trotzdem eher wie die eines Bananendampfers. Sie vermittelt in keinem Detail den Glanz und Glamour, den die Passagierbereiche ausstrahlen.
Die einzelnen Bedienpaneele werden ausführlich erklärt, und die Welt der Nautik rückt uns ein wenig näher. Wie auch die Zeit, ein Fazit dieser Reise zu ziehen. Es sind deren mehrere:
 
Dies war nicht unsere letzte Kreuzfahrt, denn der Bazillus hat uns nun endlich auch erwischt. Für unsere nächste Reise werden wir ein ähnlich großes (bzw. kleines) Schiff wie die Delphin Voyager aussuchen. In den verschiedenen Häfen haben wir die neuen, großen Pötte wie die MSC Orchestra oder die Costas "Magica" und "Luminosa" gesehen. Diese Kabinenburgen sind nicht nach unserem Geschmack. Das Tendern mit 3.500 Leuten dürfte zum Beispiel ziemlich spaßfrei sein. Eher wird für uns eine Klasse wie die MS Astor in Frage kommen.
Wir haben viel Spaß an Bord gehabt und uns dank der Abwechslung zwischen Aktivitäts- und See-Tagen bestens erholt. Darauf werden wir auch bei unseren zukünftigen Zielen achten: eine ausgewogene Mischung zwischen Ausflügen und Erholung.
Die Sauberkeit an Bord und das Speiseangebot waren sehr gut und entsprachen unserer Meinung nach tatsächlich den vier Sternen.
Die (Glücks-) Außenkabine war okay und von der Größe her angemessen, wenn auch nicht unbedingt geräumig oder qualitätsmäßig Extraklasse. Eine Balkonkabine auf dieser Reise hätte uns € 4.000 mehr gekostet – das war uns dieses Extra nicht wert.
Das gut geschulte und sehr freundliche Personal hat unsere Herzen erfreut. Die Getränkepreise an Bord sind im Rahmen, wenn auch nur knapp; jedoch hätten die Ausflüge etwas weniger kosten dürfen. Dafür haben wir allerdings ausnahmslos professionelle einheimische Guides gehabt, die die jeweilige Infrastruktur bestens kannten und auch die eine oder andere Anekdote parat hatten, die man nicht in den Reiseführern finden kann. Alleine die Geschichte über den Bürzel der Trollfrau war schon das Geld wert...
 
Wir werden diese Reise, auf der wir insgesamt 5.304 Seemeilen oder 9.823 km zurückgelegt haben, als einen der großartigen Höhepunkte in unseren Urlaubsreisen in allerbester Erinnerung behalten.

Die Brücke der DV Der Seewolf auf der Brücke Ein weiterer Blick auf die Brücke

 


28.06.2009 – "Das Schönste am Urlaub sind die Erinnerungen daran"
20° - Sonne
Ausschiffung und Heimfahrt per Zug
Wir laufen früh morgens in Bremerhaven ein. Ein letztes Frühstück, ein letzter Blick in die Kabine, ein letzter Schritt an Bord. Um 8:40 verlassen wir die Delphin Voyager mit einem komischen Gefühl im Bauch.
 


 

Tschüss, bis irgendwann einmal wieder!


Hier kann man übrigens unsere Schiffsbewertung der Delphin Voyager im Holiday-Check nachlesen.













Diese Seite wurde zuletzt bearbeitet am: 25.08.2013


Rankpro.de